Weltkulturerbe Oberes Mittelrheintal

Das Mittelrheintal bei Kaub mit den Burgen
© Dominik Ketz/Rheinland-Pfalz Tourismus GmbH

Das Mittelrheintal bei Kaub mit den Burgen Gutenfels und Pfalzgrafenstein.

Ob zu Fuß oder mit dem Schiff, per Auto oder Bahn: Dieses Tal ist ein Genuss. Herrliche Landschaft, jede Menge Kultur und Geschichten ohne Ende. Rheinromantik pur. Es beginnt bei Bingen: Rechts und links des Flusses, der sich als glänzendes Band durch das Rheinische Schiefergebirge schlängelt, ragen Hügel in die Höhe, bewachsen von wildem Gebüsch, durchsetzt von schroffen Felsen oder angelegt in Weinbergsterrassen. Kleine Ortschaften drängen sich auf schmalen Uferstreifen, Burgen stehen wie Wächter an den Hängen und zeugen von stolzer Vergangenheit. Das beeindruckende Panorama hat auch die Unesco überzeugt: 2002 wurde das Obere Mittelrheintal von Bingen bis Koblenz in die Liste der Weltkulturerbestätten aufgenommen. 

Mythos Loreley

Selbst bei schlechtem Wetter wird verständlich, warum der Mittelrhein im 19. Jahrhundert zum Treffpunkt romantischer Maler und Dichter wurde, warum hier lichtdurchflutete Bilder entstanden, begeisternde Berichte, schwärmende und wehmütige Gedichte und Lieder. Eines davon – vermutlich das bekannteste – stammt aus den Jahren 1823/24 von Heinrich Heine. „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten“ beginnt es und trägt dazu bei, den Mythos der Loreley fortzuführen. Dabei war es nicht Heine, sondern Clemens Brentano, der um 1800 die Geschichte von der „Lore Lay“ erzählte, einer vermeintlichen Zauberin, die sich aus Liebeskummer von dem Felsen in den Rhein stürzte. Heute ist allerdings eher das Heine’sche Bild der Jungfrau verbreitet, die bei Rheinkilometer 555 auf dem 193 Meter hohen Schieferfelsen sitzt, ihr goldenes Haar kämmt und dadurch die Schiffer betört. 

Dass der Strom an dieser Stelle gefährliche Untiefen hat, beweisen die vielen Unglücke, die sich dort ereigneten, zumindest bis in den 1930er Jahren einige Felsen gesprengt wurden. Um die verletzten Schiffbrüchigen zu bergen, ließ sich übrigens der Priester Goar schon im 6. Jahrhundert am Ufer nieder und war der Namensgeber für die Stadt St. Goar.

Geschichten dieser Art gibt es auf Schritt und Tritt in den Orten des Mittelrheintals, wo es manchmal so wirkt, als sei die Zeit stehengeblieben: Sie handeln von einst lebenden Personen wie etwa dem Schinderhannes oder der Mysterikerin und Nonne Hildegard von Bingen, sie erklären Namensgebungen etwa der Burgen „Katz und Maus“ oder „Die feindlichen Brüder“. Sie erzählen, warum die sieben Felsen im Rhein bei Oberwesel die „sieben Jungfrauen“ heißen, und wieso die Marksburg nach dem heiligen Markus benannt ist. Sie berichten über grausige Ereignisse wie das Ende der Idilia Dubb auf der Burg Lahneck oder den Tod des hartherzigen Bischofs Hatto II. auf dem Binger Mäuseturm, aber auch von Klostergründungen und Teufelsbegegnung

Freistaat Flaschenhals

Eine kuriose und wahre Geschichte ist die vom sogenannten „Freistaat Flaschenhals“: Seit jeher war der Rhein immer wieder Grenze zwischen verschiedenen Reichen. Einmal aber haben die Machthaber nicht aufgepasst: In der Gegend um Kaub blieb nach dem Ersten Weltkrieg durch fehlerhafte Planungen der amerikanischen und französischen Besatzungsmächte ein Gebiet unbesetzt. Weil es die Form eines Flaschenhalses hatte, entstand der „Freistaat Flaschenhals“, der vier Jahre lang eine eigene Verwaltung und sogar eine eigene Währung hatte, bis er 1923 von französischen Truppen besetzt und 1924 Teil der Weimarer Republik wurde.

Loreley-Statue
© Jens Niemeyer/Romantischer Rhein Tourismus GmbH

Loreley-Statue bei St. Goarshausen.

Eine andere Geschichte ist noch nicht fertiggeschrieben: Seit Jahren wird über eine neue Brücke zwischen Wiesbaden und Koblenz diskutiert. Einen Entwurf gibt es seit 2009, doch seine Umsetzung ist fraglich. Denn die neue Brücke soll nicht den Welterbestatus gefährden. Eine Alternative wäre für viele der Ausbau der bestehenden Fährverbindungen auf dieser Strecke. Ob sich aber die Rheingeister, Zauberer oder gar die Loreley selbst in die Entscheidung eingemischt haben, darüber wird man in ferner Zukunft erzählen.