Gedenkstätte KZ Osthofen

Gedenkstätte KZ Osthofen
© Leo Hanselmann, Worms/NS-Dokumentationszentrum Rheinland-Pfalz

Außenansicht des KZ Osthofen, Aufnahme vom April 1933.

Wenn Wände wie Schwämme wären und Gefühle aufsaugen und wieder abgeben würden, dann könnte man es hier nicht aushalten. Weil man empfinden würde, wie sich Menschen hier gefühlt haben: zittrig vor Feuchtigkeit und Kälte, schwindelig vor Hunger und Durst, der Körper schmerzt von den Schlägen - und die Angst ist ständiger Begleiter, die Angst, etwas „Falsches“ zu sagen oder zu tun, „falsch“ zu schauen, „falsch“ zu sein. Die Überwachung durch die KZ-Wärter ist allgegenwärtig – es drohen Verletzungen und Demütigung. Und die Zukunft ist ungewiss.

Den Begriff Konzentrationslager haben die Nazis nicht erfunden, aber sie haben die Tradition, politische Gegner in Lager zu sperren, früh aufgegriffen: Bereits kurz nach der Machtübernahme der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP), im Mai 1933, wird in einer ehemaligen Papierfabrik im damals hessischen Osthofen ein Konzentrationslager eingerichtet. In diesem „frühen“ Konzentrationslager wurde die sog. „Polizeiliche Schutzhaft“ für den „Volksstaat Hessen“ vollzogen. Eingesperrt wurden im KZ Osthofen politische „Gegner“ und Menschen, die als solche angesehen werden: Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschafter, aber auch Angehörige der Zentrumspartei, Juden, Sinti, Zeugen Jehovas und Separatisten.

Sie müssen in der großen Fabrikhalle mit wenig Stroh auf kaltem, feuchtem Betonboden, später auf einfachen Holzpritschen schlafen, bekommen kaum etwas zu essen. Viele der ehemaligen Häftlinge leiden aufgrund dieser menschenunwürdigen Zustände ein Leben lang unter gesundheitlichen Problemen. Personalbogen von damals, ausgefüllt von dem zuständigen Lager-Arzt, belegen die Gewichtsverluste durch Hunger und Strapazen, bescheinigen den Häftlingen aber stets Gesundheit, Haft- oder natürlich Arbeitsfähigkeit.

Die Folgen für die Inhaftierten beschreibt die Schriftstellerin Anna Seghers in ihrem Roman „Das siebte Kreuz“: „Im ersten Augenblick glaubte Elli, man hätte einen Falschen hereingebracht. … Sie starrte den fremden Mann an zwischen den beiden SA-Posten. Georg war ja hochgewachsen, der da war fast so klein wie ihr Vater, mit eingeknickten Knieen.“

Bis zum Sommer 1934, als das KZ aufgelöst wurde, sind insgesamt rund 3.000 Menschen in Osthofen eingesperrt, manche von ihnen verbringen hier nur einige Wochen, andere werden später in andere Lager verlegt. Einige überleben das Ende der NS-Herrschaft nicht. Vieles davon geschieht mit Wissen der Anwohner. Wer es nicht persönlich erlebt, dass Angehörige oder ein Nachbar verhaftet werden, kann es in der Zeitung lesen. „Aus Gründen der Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung, wurden vor einigen Tagen aus Worms und Umgebung ca. 70 Marxisten und Kommunisten unter starker Bedeckung durch Polizei und Hilfspolizei nach hier transportiert“, heißt es in der „Niersteiner Rheinwarte“ am 5. April. Und in der „Ingelheimer Zeitung“ steht am 29. November 1933: „Gestern lieferte die Ersatzpolizei Gießen 11 Personen in das Konzentrationslager Osthofen ein. Darunter waren zwei Männer, die auf einer Reise geäußert hatten, sie wollten nach Russland gehen, wo weit bessere Arbeitsverhältnisse seien“.

In Osthofen wird kein Häftling ermordet, aber hier begann die Schreckensherrschaft der Nazis. Deshalb hat die Landeszentrale für politische Bildung gemeinsam mit dem Förderverein Projekt Osthofen e. V. im Gebäude des ehemaligen KZ ein NS-Dokumentationszentrum eingerichtet. Besucher können sich Gelände und Appellplatz anschauen und sich in der Dauerausstellung „Nationalsozialismus in Rheinland-Pfalz“ anhand zahlreicher Dokumente über Verfolgung und Widerstand informieren.

Das Leiden der Häftlinge, ihre Qualen und Ängste kann man hier nicht mehr sehen und hören, nur ihrer erinnern. Und man kann begreifen, wie schnell und umfassend die Demokratie zerstört werden kann. Und was daraus folgt. 


Häftlinge im Konzentrationslager Osthofen
© NS-Dokumentationszentrum Rheinland-Pfalz

Unter den etwa 1.800 „Schutzhäftlingen“ des Konzentrationslagers Osthofen, deren Namen heute bekannt sind, befanden sich 130 Juden. Viele von ihnen waren zunächst wegen politischer, gegen das NS-Regime gerichteter Aktivitäten verhaftet worden. Sie wurden besonders schlecht behandelt, häufiger gedemütigt, geschlagen und misshandelt. Das Foto stammt aus dem Jahr 1933 und zeigt eine Gruppe von Häftlingen vor der Hausmeisterwohnung zusammen mit der Familie des Hausmeisters, links im Bild.